Laufzeit - Artikel 07/2011
Den Weg des langen Leidens gewählt
Dieter Baumann, Olympiasieger über 5.000 m 1992 in Barcelona, im LAUFZEIT-Interview über seinen Selbstversuch beiden 100 km von Biel Vom 5.000-m- zum 100-km-Läufer – das ist eine seltene Entwicklung.
Wie kamst Du auf die Idee, Dich über solch einen langen Kanten zu versuchen?
Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir das schon sehr lange mal vorgenommen. Das Laufbüchlein von Werner Sonntag hatte ich als junger Athlet irgendwann in die Hände bekommen. Ich hab es ein paar Mal gelesen und fand es ganz witzig. Die ganze Ultraszene hat mich schon damals beeindruckt. Mir war immer klar, das muss ich mal probieren.
Das ist ja verrückt – 100 km. In diesem Frühjahr hatte ich ganz gut trainiert, mir tat nichts weh. Da dachte ich, jetzt probier das einfach mal. So kam der Entschluss aus einer Laune heraus und hatte doch einen historischen Hintergrund. „Einmal musst Du nach Biel“, heißt das zitierte Buch. Bis dahin war es bei Dir ein weiter Weg.
Was waren denn Deine längsten Trainingsläufe als aktiver Langstreckler? Eine Stunde dreißig höchstens. Das war ja auch mein Problem später, als ich mich als Marathonläufer versuchte. Ich musste feststellen, das ich eigentlich kein Typ bin für lange Läufe. Das macht mir auch nicht unbedingt Spaß. Der hört bei mir nach einer Stunde dreißig auf. Das war dann auch das Grundproblem der Biel-Vorbereitung und dann bei den 100 km selbst. Etwa bei Kilometer 70 war der Ofen aus. Dann musste ich irgendwie heimkommen und hab mich durchgekämpft.
Damit es mit dem Durchkämpfen klappt, bedurfte es viel Training in der Vorbereitung. Wie sah das aus?
Ich habe schon in den letzten zwölf Wochen sehr viel lange Läufe gemacht. Für meine Verhältnisse war das ohnehin viel, aber auch aus Sicht eines Ultraläufers recht ordentlich. Dreimal 50 Kilometer, einmal einen Vierziger und viele Dreißiger waren dabei. Das war schon für meine Verhältnisse als Vorbereitung sehr, sehr gut.
Hattest Du Dir eine Zeit vorgenommen, hattest Du einen Fahrplan oder ging es Dir nur ums Ankommen?
Ich kann nicht allzu langsam. Es gelingt mir nicht, einen Sechs-Minuten-Schnitt per Kilometer zu laufen. Da fühle ich mich nicht wohl. Es geht ja auch um ein gutes Laufgefühl. Ich dachte mir, laufe mal einen Fünf-Minuten-Schnitt an und schau, wie weit Du kommst. Das habe ich weitgehend realisiert. Bei 50 km hatte ich 4:13 Stunden und fühlte mich noch sehr gut. Und dann gings aber nicht so weiter ... Danach ging es relativ schnell bergab auf den folgenden 20 Kilometern. Vielleicht habe ich auch zu wenig getrunken oder gegessen – ich weiß es nicht. Zuerst dachte ich wunderbar. Ich laufe langsam los und komme dann so bei neun Stunden ins Ziel. Aber ich bin schon zu schnell losgelaufen und später war dann jede Planung dahin.
Nicht planbar ist das Wetter. Die Bieler Laufnacht 2011 wurde von Dauerregen begleitet. Wie hast Du das ertragen?
Es war Wahnsinn. Ich hab ja schon mit viel gerechnet, aber das übertraf jedes Vorstellungsvermögen. In den ersten vier Stunden im Dauerregen wurden wir förmlich weggeschwemmt. Ein schöner lauer Sommerabend wäre da schon etwas besser gewesen ... Denkt man da auch ans Aufgeben? Immerhin hatten mehr als ein Viertel der 100-km-Läufer das Ziel nicht erreicht. Nein. Mir war klar, ich komme ins Ziel. Ich hatte mir vorher eine Strategie zurecht-gelegt: Wenn es mir nicht mehr so gut geht, dann wandere ich ein Stück, verpflege mich gut und versuche wieder in einen Laufrhythmus hineinzukommen. Das ist mir dann auch gelungen. Es war nicht immer ansehnlich, aber es war anständig.
Gibt es so etwas wie eine „Läuferehre“, die ein Aufgeben verbietet?
Dazu möchte ich einmal etwas an alle loswerden, die dann doch kapituliert haben. Die Bedingungen waren in diesem Jahr so schlecht, so schwierig – alle, die sich am Ende sagten, lassen wir‘s, die hatten schon ein Stück weit Recht. Das war keine Schande. Da ging es nicht mehr um Ehre. Das musste jeder mit sich ausmachen. Ich hatte den Weg des langen Leidens gewählt, aber ich verstehe dennoch alle, die rausgegangen sind. Das Leiden fand zumeist in der Dunkelheit statt.
Wie kamst Du mit dem Nachtlauf klar?
Das ging eigentlich. Die Stirnlampe habe ich kaum benutzt. Nur auf dem sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad, wo es ganz, ganz schwierig wurde. Auch mal wenn ein dunkles Waldstück kam, wo gar nichts mehr zu sehen war. Vor allem aber wegen der vielen Pfützen. Wenn Du ständig durch diese Dinger läufst – das ist nervig. Ich wollte meine Socken schonen, doch die waren eh schon nass ...
Hast Du nach Deiner Selbsterfahrung über 100 km eine neue Sicht auf die Ultraszene?
Auf die vermeintlich „Verrückten“? Ach nein. Dennoch würde ich nicht sagen, dass es keine Verrückten sind. Wer 100 km am Stück läuft, muss ein bisschen verrückt sein. Ich habe immer schon Hochachtung davor gehabt. Jeder, der läuft, der sich das ausrechnen kann, fragt sich, o je, o je, was passiert da eigentlich bei 100 km. Meine Haltung zu den Ultras hat sich nicht geändert. Ich war so froh, dass ich das probieren konnte und hatte mich auch darauf gefreut. Es hat mich auch nicht abgeschreckt im Sinne von „nie wieder“. Das Ganze war am Ende so schwierig wie vorhergesehen. Ich war darauf eingestellt.
Eine Frage des Kopfes?
Ja, genau. Es ist sehr viel eine Einstellungsfrage. Du weißt, was es heißt, schnell zu laufen.
Kannst Du die Bestzeiten über 100 km nachvollziehen?
Nein, kann ich nicht. Das ist auch nicht so schlimm. Ich kann das ebensowenig nachvollziehen, wie ein Weltrekordlauf im Marathon, wo jeder Kilometer unter drei Minuten gelaufen wird. Das ist aberwitzig und brutal. Dazu fehlt selbst mir mit meiner Erfahrung das Vorstellungsvermögen. Das hätte ich mir auch nie in meiner aktiven Zeit zugetraut. Nehmen wir die Siegerzeit von Biel ...Sieben Stunden und elf Minuten in strömendem Regen. Blanker Wahnsinn. Der prescht durch den dunklen Wald, egal was da kommt an Pfützen ... Das ist schon brutal. Es ist einfach eine tolle Leistung. Punkt!
Jetzt bist Du ein Ultraläufer. Können wir Dich demnächst beim Rennsteiglauf begrüßen?
Das bin ich gerade erst am letzten Wochenende in Schwerin gefragt worden. Ich möchte es gar nicht ausschließen, schließlich gehört der Rennsteiglauf zu den Adressen, wo man einfach mal laufen muss. Vielleicht nicht gleich im nächsten Jahr, aber ich kann es mir mal vorstellen.
Wann bist Du nach dem anstrengenden Hunderter das erste Mal wieder gelaufen und wie viel?
Gestern, nach zehn Tagen. Ganz lockere sechs Kilometer. So bin ich wieder zurück, da wo ich herkomme ...
Die Fragen stellte Wolfgang Weising
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