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Laufzeit - Artikel 03/2010

Ist die Laufschuhentwicklung auf dem Holzweg?

Hintergründe und Meinungen zu einer US-Studie

Geoffrey Keenan von der University of Virginia in Charlottesville (USA) und seine Kollegen erregten mit einer jüngst im Fachblatt „The Journal of Injury, Function and Rehabilitation" veröffentlichten Studie Aufsehen in der Laufszene - bei Läufern, wie auch bei Fachleuten. 



Demzufolge hatten die Wissenschaftler 68 gesunde Sportler aufs Laufband geschickt - mit Schuhen und barfuß. Alle Testpersonen nutzten das gleiche Model, einen als neutral eingestuften Schuh der Firma Brooks. Eine Hochgeschwindigkeitskamera erfasste die Bewegungen der mit Reflektoren ausgerüsteten Sportler, um später die dabei auftretenden Kräfte berechnen zu können. Ergebnis: An Hüft-,Knie- und Fußgelenken traten höhere Belastungen auf, wenn die Jogger Schuhe trugen. Die Kräfte waren den Angaben zufolge sogar größer, als beim Gehen auf hochhackigen Schuhen. Die Hüfte wird durch Laufschuhe demnach um durchschnittlich 54 Prozent stärker belastet, als wenn der Läufer oder die Läuferin barfuß laufen würde. Im Knie lagen die Belastungswerte zwischen 36 und 38 Prozent höher. Einzig dem Fuß gaben die Trainingsschuhe einen guten Halt. So jedenfalls berichteten die Forscher.
Was ist dran an der Studie, wie schlüssig ist sie? LAUFZEIT hat dazu recherchiert und auch Meinungen eingeholt.

Sind erfahrene Experten auf einmal Dummköpfe?
Der hier angesprochenen Studie lag eine Testserie auf einem Laufband zugrunde. Unreflektiert erschienen in Internet- und Printmedien „Kommentierungen" zu diesem Thema. Eine allgemeine Verunsicherung war die Folge. Doch mit einem einzigen Fakt ließe sich die gesamte Studie ad absurdum führen. Jedes Laufband - ob im Fitness- oder im diagnostisch-medizinischen Bereich - hat ein eigenes Schwingungsverhalten mit einem wiederum individuellen Dämpfungssystem. Laufe ich auf einem solchen Laufband, gibt es Interferenzen mit den dabei getragenen Schuhen. Diese sind abhängig vom Läufertyp, seinem Gewicht und noch zahlreichen weiteren Faktoren. Wer einmal auf einem Laufband gelaufen ist, weiß aus Erfahrung, dass diese Art der Fortbewegung nicht mit dem Laufen in der Natur oder auf der Straße vergleichbar ist. Studien über Gelenkbelastung auf einem Laufband verbieten sich meines Erachtens nach vornherein.
Ein pauschaler wissenschaftlicher Ansatz ist aus einem weiteren Grunde absurd: Wie viele verschiedene Körpertypen gibt es, wie viele Laufstile gibt es, wie viele Gewichtsklassen gibt es? Letztlich wären auch Trainingsziele, sprich die Intensitäten der Belastung zu diskutieren. Wer dieses alles ignoriert, muss zwangsläufig zu einer unsinnigen wissenschaftlich nicht haltbaren Aussage gelangen. Er erklärt weiterhin alle Biomechaniker, Orthopäden und alle Mitarbeiter in unzähligen renommierten Unternehmen der Sportschuhbranche zu Dummköpfen und stellt jahrzehntelange Erfahrung in der Entwicklung von Laufschuhen in Frage. Ein Aufschrei hätte durch die Branche gehen müssen - ich denke allerdings, ein mitleidiges Lächeln reicht.

Text: Dr. Willi Heepe.