Berlin
Lauf in ein anderes Leben?
In Berlin versuche Sozialarbeiter und Lauftrainer, Jugendliche ans Laufen zu bringen. Einige der zirka 20 Jungs sind schon straffällig geworden. Das Ziel für alle ist die Teilnahme beim "Run Berlin - die 25 Kilometer von Berlin" Anfang Mai.
Wer in den Fitnessraum will, muss am Terminator vorbei. Irgendwer hat das Poster des muskelgepackten Arnold Schwarzenegger an die Tür geklebt. Der Ex-Schauspieler und Bodybuilder scheint ein Vorbild für viele der zirka 150 Kinder und Jugendlichen zu sein, die Stammgäste im Sportjugendclub mitten im Märkische Viertel von Berlin sind. Dieser Teil von Reinickendorf ist keine schöne Wohngegend. Überall Hochhäuser, Beton, Asphalt. Wer Geld hat, wohnt hier nicht. Der Ausländer-Anteil ist hoch, Gewalt nicht selten.Der enge Fitnessraum in dem Club, der zum Projekt "Kick" der Berliner Sportjugend gehört, ist beliebt. Auch bei dem 15 Jahre alten Wassili, der in Usbekistan geboren wurde und in Deutschland aufgewachsen ist. Sein erster Weg im Jugendzentrum führt an die Hanteln, obwohl er eigentlich zum Laufen da ist. Der Junge mit den kurz geschorenen schwarzen Haaren hat vor ein paar Monaten einen Gleichaltrigen so verprügelt, dass er jetzt wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht steht. "Es war nicht mein Tag", erinnert er sich, "künftig werde ich mir so etwas zwei Mal überlegen." Echte Reue klingt anders. Damit er künftig nicht mehr zuschlägt und lernt, Konflikte anders zu lösen als mit Gewalt, werden er und seine Familie von einer Sozialarbeiterin betreut. Die hat empfohlen, ihn an dem Laufprojekt von "Kick" teilnehmen zu lassen, bei dem Jugendliche wie er sich auf die 25 Kilometer von Berlin am 7.Mai vorbereiten sollen.
"Das ist eine echte Herausforderung", sagt Lutz Zauber, der für die sportliche Seite des Projektes zuständig ist. Er weiß genau, dass Laufen eigentlich kein Sport ist, auf den Jugendliche wie Wassili von selbst kommen. Es ist anstrengend, meist schaut keiner zu und einem muskelbepackten Body wie Arnold Schwarzenegger bekommt man auch nicht. Deshalb war Zauber überrascht, als beim ersten gemeinsamen Lauf trotz minus drei Grad und vereisten Straßen acht Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren dabei waren. "Für viele ist es eben eine Frage der Ehre. Wenn der eine verkündet, 40 Minuten gelaufen zu sein, behauptet der andere, das auch zu können. Schon läuft er mit", sagt Lutz Zauber.
Das heißt aber noch lange nicht, dass wer einmal mitläuft, auch dabei bleibt. Eine Woche nach dem ersten Lauf waren es nur noch drei Läufer. "Das ist eben so bei diesem Klientel", sagt Claudia Giese, während sie auf die Läufer wartet, mit denen sie eigentlich um drei Uhr verabredet war. Mittlerweile ist es halb vier und kein Teilnehmer ist in sicht. Claudia Giese ist Marathon-Läuferin und unterstützt Lutz Zauber bei der Betreuung der Jugendlichen. Als Sozialpädagogin arbeitet sie bei einem weiteren Berliner Projekt für auffällige Jugendliche und kennt die Szenen genau. "Die treffen sich an irgendeiner Bushaltestelle, und wenn dann der Chef in der Gruppe was anderes vorschlägt, als zum Lauftreff zu kommen, wird das eben gemacht. Und wir warten vergeblich."
Dennoch glauben die Verantwortlichen bei "Kick" fest an den Erfolg des Projektes. Die Teilnehmer sollen beim Lauftraining Fähigkeiten erlernen, mit denen sei ihr Leben in den Griff bekommen. So lernen Problem-Jugendliche, Beziehungen aufzubauen, zu planen, zu organisieren. Dass Sport dabei hilft, zeigt das Beispiel von Hassan. Der 18 Jahre alte Türke kommt seit zehn Jahren regelmäßig in den Sportjugendclub im Märkischen Viertel. Zeitweise hatte er große Schulprobleme, hat den Unterricht tagelang geschwänzt und verließ die Hauptschule ohne Abschluss. Mittlerweile ist er auf dem Weg zum Realschulabschluss und will im Herbst eine Lehre zum KfZ-Mechaniker beginnen. Er spielt Fußball, macht Fitnesstraining und - läuft. Zumindest hat er einen Lauf mit Lutz Zauber absolviert. Nach 40 Minuten kommt der 18-Jährige verschwitzt in den Sportclub zurück. "War kein Problem", meint er. Lutz Zauber dagegen ist überrascht: "Es erstaunt mich schon, dass viele beim ersten Mal so lange durchhalten. Die meisten haben ja gar keine Erfahrung und laufen viel zu schnell los." Um das zu verhindern, ist der 47-Jährige bei jedem Lauf dabei. Der Sportpädagoge ist neben seinem Hauptjob im Sportjugendclub als Disziplintrainer für Nachwuchsläuferinnen im Deutschen Leichtathletik-Verband zuständig. Genau wie im Leistungssport reicht es auch beim "Kick"-Laufprojekt nicht, die Kinder und Jugendliche beim Laufen zu begleiten. "Die Motivation funktioniert vor allem über das Gruppenerlebnis", erklärt Zauber. Deshalb werden nach dem Laufen beispielsweise gemeinsam Nudeln gekocht.
Um überhaupt einzusteigen in die Laufgruppe, brauchen die meisten Jugendlichen indes eine Initialzündung. Bei Wasili aus Usbekistan ist es die Aussicht, nach 25 Kilometern ins Berliner Olympiastadion einzulaufen. Er ist sehr cool, darauf legt er großen Wert. Sein Gesicht wirkt wie eine Maske - auch als er erzählt, wie aus "Kleinigkeiten - Schubsen und Schimpfwörter eben" eine schlimme Schlägerei wurde, en deren Ende sein Kontrahent schwer verletzt wurde. Als der 15-Jährige erfährt, dass am Ende der 25 Kilometer der Einlauf ins Olympiastadion wartet, beginnen seine Augen zu leuchten. "Echt? Wir laufen ins Olympiastadion? Ist ja krass", sagt er und beginnt von seinen Träumen zu erzählen. Zur Berufsfachschule will er gehen und sich zum Grafiker ausbilden lassen. Das Laufprojekt soll ihm auf dem weiten Weg dorthin helfen.
Und wer weiß, vielleicht wird er eines Tages sogar zum begeisterten Läufer. So wie der Jogger, der dafür sorgte, dass ein anderer Teilnehmer des Projektes von der Polizei gefasst wurde, nachdem der 15-Jährige einer alten Dame die Handtasche geklaut hatte. Danny hatte der Frau die Tasche entrissen und war weggelaufen. Ein Jogger verfolgte ihn, holte ihn ein und hielt ihn fest, bis die Polizei eintraf. Jetzt soll er auch laufen. Aber nicht, um demnächst Verfolgern besser entkommen zu können. Sondern um zu lernen, dass es sich lohnt, langfristige Ziele mit Geduld, Disziplin und ohne vermeintliche Abkürzungen über Straftaten zu verfolgen.
Quelle: Magazin "aktiv laufen", Februar 2006
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