Laufen
Wo sind die deutschen Spitzenläufer?
Podiumsgespräch in Frankfurt und der Versuch einer Bestandsaufnahme - Ob die deutschen Waldläufer bei ihrer ersten Deutschen Meisterschaft anno 1900 in Hohenneuendorf bei Berlin wohl den Ehrgeiz hatten, eines Tages auch Weltruhm zu erlangen? Wohl kaum.Deutschland war ein Land der Turner, die Leichtathletik steckte noch in den Kinderschuhen. Dennoch bestimmten hiesige Läuferinnen und Läufer rasch die Weltspitze mit. Otto Pelzer stellte 1926 als erster Deutscher einen Weltrekord über 800 m in 1:51,6 Minuten auf. Lina Radke schaffte Gleiches auf dieser Strecke ein Jahr später in 2:23,8 min. Sie errang zudem 1928 in Amsterdam erstes Olympisches Gold auf dieser Strecke. Bis 1976 sollte es dauern, dass auf der Königsstrecke Marathon mit Waldemar Cierpinksi in Montreal ein Deutscher Olympiasieger wurde. Der Hallenser konnte diesen Triumph sogar 1980 in Moskau wiederholen, wurde später Weltmeisterschaftsdritter in Helsinki. Mit seiner Goldmedaille beim olympischen 5.000-m-Finale 1992 in Barcelona bewies Dieter Baumann einmal mehr die Stärke von Schwarz-Rot-Gold auf den Langstrecken. Stephan Freigang holte an gleicher Stelle Bronze im olympischen Marathonlauf. Es war die Spitze einer Tradition von zahlreichen Welt- und Europameistertiteln, die deutsche Langstreckenasse – im Osten wie im Westen Deutschlands – viele Jahrzehnte lang erringen konnten. Mit den jüngsten Goldmedaillen von Jan Fitschen über 10.000 m und Ulrike Maisch im Marathon bei den Europameisterschaften im schwedischen Göteborg schloss sich der erfreuliche Kreis.
Doch bei näherer Betrachtung zeigen sich Defizite. Das Leistungsniveau deutscher Langstreckler ging in den letzten Jahren dramatisch zurück. Der Anschluss an die Weltspitze scheint momentan gänzlich verloren. Der 800-m-Weltrekordler von 1939, Rudolf Harbig, käme mit seiner damaligen, auf einer Aschenbahn und ohne modernes Schuhwerk erzielten Leistung von 1:46,6 auf Platz zwei der aktuellen deutschen Bestenliste anno 2006! Die letzten Weltrekorde einheimischer Langstreckler liegen Jahrzehnte zurück. Die hiesige Rekordliste erscheint wie eingefroren, manche Zeit wurden seit mehr als zwanzig Jahre nicht mehr unterboten ...
... die Kinder müssen gefunden werden
Einig war man sich am Ende, dass die „Verinselung“ der Leistungsträger nachteilig sei und die Zusammenfassung von Talenten in Trainingszentren bzw. das Gruppentraining bessere Voraussetzungen für Spitzenleistungen darstellen. Ebenso schlüssig schien die Tatsache, dass sich das soziale Umfeld für die heute heranwachsende Generation gegenüber die Leistungsträgern von einst völlig verändert hat. Die Absicherung eines Arbeitsplatzes für eine Eliteläuferin bzw. einen Eliteläufer müsse als soziale Frage gelöst werden. Nebenberuflich kommt keiner in der Weltspitze an. Vorbilder gebe es in Japan, wo einzelne Unternehmen beispielsweise Marathonläuferinnen und -läufer unter Vertag hätten. Zudem müsse die Findung von Talenten in den Schulen durch Trainer und Übungsgleiter wahrgenommen werden. Als vorbildliches Beispiel wurde das einstige flächendeckende Sichtungssystem in der DDR angeführt. „Wenn wir die Kinder nicht finden, haben wir keine Chance ... und alles muss privatwirtschaftlich organisiert werden“, setzte Dieter Hogen den entscheidenden Schlusspunkt unter eine, am Ende facettenreiche und anregende Diskussion.
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